Losgelassenheit mal anders: Trainer testen gebissloses Reiten

Nach der Aufnahme gebisslos gerittener Wettbewerbe in die WBO 2018 steht nun infolgedessen die fachliche Schulung interessierter Ausbilder an. Die APO 2020 im Blick, führten die Pferdesportverbände Hannover und Schleswig-Holstein e.V. mit der Unterstützung der Deutschen Reiterlichen Vereinigung e.V.  (FN) deshalb ein erstes Pilotprojekt durch.


Hoya. Etwas skeptisch schauen sie noch, die sieben Trainerinnen, die sich aus dem ganzen Bundesgebiet in der Landesreitschule Hoya zusammengefunden haben, um an der ersten Ausbilderschulung zu den „Grundlagen des gebisslosen Reitens im Breitensport“ teilzunehmen. Vier Tage lernen, reiten und unterrichten auf einem Gebiet, auf dem sie bisher kaum oder auch noch gar keine Erfahrung haben. Am fünften Tag sollen die Ergebnisse dann vor einer Fachkommission präsentiert werden.


Das erste Herantasten ist noch ungewohnt. Die neuen Zäumungen werden erst einmal mit der Trense kombiniert, um allen die größtmögliche Sicherheit zu geben. „Loslassen“ ist gar nicht so einfach, wenn man jahrelang darauf hingearbeitet hat, das Pferd immer in feiner Zügelverbindung zu halten. Denn auch wenn jeder weiß, dass die Zügel nicht zum „bremsen“ sind, gibt man doch ein Stückchen gewohnte Sicherheit auf und auch die Pferde benötigen ein wenig Zeit, sich daran zu gewöhnen, dass die vertraute Anlehnung plötzlich nicht mehr da ist. Doch mit jeder Runde, Aufgabe und Bahnfigur wächst die Sicherheit. Schritt für Schritt werden die Reiter gelassener und gelöster – und mit ihnen auch die Pferde.


Am zweiten Tag steigen schon alle ohne Trense in den Sattel. Sidepull oder Knotenhalfter und Halsring sollen nun genügen. Das Vertrauen in Gewichts- und Schenkelhilfen wächst und nach und nach werden die Zügel länger. Weil gebisslose Zäumungen direkt über das Nasenbein wirken und dort kein Muskel den Druck aufnimmt, erfolgt die Einwirkung nicht aus einer konstanten Verbindung heraus, sondern mittels feiner Impulse des ansonsten leicht durchhängenden Zügels. Die Pferde spiegeln die Fortschritte ihrer Reiter unmittelbar. Mit zunehmender Losgelassenheit der Reiter suchen sie zunächst die Dehnungshaltung und entwickeln im weiteren Verlauf daraus eine natürliche Haltung im Gleichgewicht, in der sie fleißig aus der Hinterhand heraus mitarbeiten.

Auch das Unterrichten mit den neuen Zäumungen ist erst einmal ungewohnt. Doch schon bald erschließt sich jedem: Gewichts- und Schenkelhilfen sind das A und O. Und die funktionieren ganz klassisch, so wie immer. Die Zäumung dient nur der Feinabstimmung.


Am Tag der Präsentation ist von Skepsis keine Spur mehr. Ein wenig Aufregung ist natürlich dabei, wenn man als erste Gruppe so ein Projekt vorstellen darf, doch Pferde und Reiter zeigen was sie können. Slalom und Stangenarbeit, frischer Galopp und sichere Übergänge, aber auch anspruchsvollere Übungen, wie erste Schritte rückwärts oder seitwärts, bis hin zum fliegenden Wechsel, prägen das Bild der Ritte und Lehrproben. Bereitwillig stehen die Teilnehmerinnen der Kommission Rede und Antwort. Worauf sie achten müssen, wie das eigentlich funktioniert und auch, wie sie das Projekt erlebt haben und ob sie weiter machen wollen.


Und so unterschiedlich die einzelnen Interessen und Unterrichtsschwerpunkte der hier versammelten Turnier- und Breitensportler auch sein mögen, in einem sind sich alle einig: Das Reiten mit gebisslosen Zäumungen ist eine tolle methodische Ergänzung im Training und Unterricht, denn es schult den zügelunabhängigen Sitz und die Konzentration auf die Gewichts- und Schenkelhilfen. Gutes Reiten ist nämlich keine Frage der gewählten Zäumung, sondern immer eine Frage guter Ausbildung.

 

 

Große Freude bei allen Beteiligten: (v.l.n.r.) Constanze Sonnenschein, Maris Dahmen, Annette von Hartmann, Elfriede Schulze-Havixbeck, Maritres Hötger, Katrin Maerten, Schulpferd „Tino“, Virginia Parejo-Menendez, Antje Voss, Thomas Ungruhe, Ute Limbach, Nadine Krause, Katrin Göbel, Alyona Bilan und Waltraud Böhmke. Foto: Tina Pantel