Wie ein bunter Blumenstrauß – Das Pilotprojekt zur Ergänzungsqualifikation „Spät- und Wiedereinsteiger im Pferdesport“

Die „Hausfrauenreitstunde“ war gestern. Wer heute erwachsene Spät- oder Wiedereinsteiger zum, oder sogar auf das Pferd bringen möchte, braucht neben umfangreichem Fachwissen vor allem ein hohes Maß an Einfühlungsvermögen, Ideenreichtum und maßgeschneiderte Angebote. Auf dem Johannenhof in Heist stellten sich die ersten 12 Ausbilder der Herausforderung, diese Qualitäten in einer Prüfung unter Beweis zu stellen und damit die Grundlage für eine Verankerung in der APO zu schaffen.


Heist. „Sie sind jetzt Piloten. Und Piloten tragen die Verantwortung.“ Mit diesen Worten entließ Rolf Petruschke die ersten 12 Inhaber der neu entwickelten Ergänzungsqualifikation „Spät- und Wiedereinsteiger im Pferdesport“ am 18.02.2017 aus der Prüfung und erinnerte sie damit noch einmal an die Wichtigkeit der Aufgaben, die nun vor ihnen liegen. Eine Woche lang hatten sich die engagierten Ausbilderinnen intensiv auf diesen Tag, aber vor allem auch auf ihre weitere Praxis in der Bahn vorbereitet.

 

„Ergänzungsqualifikationen bieten die Möglichkeit, sich unter fachlicher Anleitung auf Angebote zu spezialisieren, die in der grundlegenden Trainerausbildung nur gestreift, aber nicht vertieft werden können, weil sie dort einfach den Rahmen sprengen würden. Bisher bietet unser Regelwerk diese Möglichkeit für die Bodenarbeit, Sitz- und Gleichgewichtsschulung, Kinderreitunterricht und das Reiten im Damensattel. Da aber immer mehr erwachsene Menschen erstmals, oder nach langer Pause wieder aufs Pferd möchten und ganz eigene Wünsche und Erwartungen an dieses Erlebnis stellen, möchten wir mit diesem Projekt die Basis schaffen, unsere Ausbilder auch hierfür umfassend zu qualifizieren“, erklärt Antje Voß, die Breitensportbeauftragte des Pferdesportverbandes Schleswig-Holstein e. V. .


Sportpädagoge Hermann Grams gab den Teilnehmern im Lehrgang drei elementare Leitsätze mit auf den Weg : „Der Kontext wird immer mitgelernt“, „Gute Kommunikation gelingt am besten, wenn man sich so verhält als hätte man sie schon“ und „Lernen heißt Potenzial entwickeln.“ Und dass das weit mehr als graue Theorie ist, war den gesamten Lehrgang über spürbar. Vom ersten Ankommen über das Lernen und Unterrichten bis hin zur Prüfung schufen Lehrgangsleiter Johannes Beck-Broichsitter und seine Frau Martina gemeinsam mit Projektkoordinatorin Maritres Hötger den oft zitierten „sicheren Raum“ und eine entspannte, familiäre Atmosphäre, in der die Gruppe ihr fachliches und persönliches Potenzial bestmöglich entfalten konnte. 

 

Der Stundenplan war ebenso vielfältig wie die Ansprüche der künftigen Zielgruppe und mit viel Raum zur Selbsterfahrung gestaltet. Ganz gleich ob Didaktik und Kommunikation,  Bewegungslernen und Funktionsgymnastik, Vertrauensbildung am Boden und im Sattel oder das Naturerlebnis im Gelände, alles wurde von den Teilnehmern sowohl aus Ausbilder- als auch aus Schülerperspektive erlebt und durch die zahlreichen Ideen und Erfahrungen und lebhafte Diskussionen in der Gruppe bereichert. Für das praktische Unterrichten wählte jeder ein Thema, das seinen eigenen Schwerpunkten und seiner persönlichen Zielgruppe entsprach und entwickelte über die Woche eine Lehrprobe für den Prüfungstag, an der täglich gefeilt wurde. Dem geschulten Blick von Pferdewirtschaftsmeister Johannes Beck-Broichsitter entging dabei nichts. Vom Standpunkt in der Bahn über die Fachsprache, den gewählten Tonfall oder Ausführung und Sinnhaftigkeit der Übungen, gaben er und seine Frau Martina detailliertes Feedback, Korrekturen und Anregungen zur Unterrichtserteilung und ließen dennoch jedem den Raum für seinen individuellen Unterrichtsstil, so dass die Prüfungskommission, bestehend aus Rolf Petruschke, Maren  Poltrock und Sabrina Finke, die das Projekt für die Deutsche Reiterliche Vereinigung begleitet,  einen „bunten Blumenstrauß“ unterschiedlichster Lehrproben zu sehen bekam.

„Das war toll!“ freut sich Eike Seiler, 59 Jahre alt, die erst seit kurzem im Sattel sitzt und sich als Probandin für das Thema „Der ängstliche Reiter“ zur Verfügung gestellt hatte. Unterrichtet von Christiane Volkmann und Dr. Claudia Vollmers überwand sie nicht nur einen guten Teil ihrer Angst, sondern zum Abschluss auch eine höhergelegte Stange aus dem Trab. Vom Lösen von Verspannungen über Gleichgewichtsschulung auf der Wippe bis hin zum Fahren vom Boden präsentierten die Teilnehmer beeindruckend, was alles möglich ist, wenn man sich dieser dankbaren – und stetig wachsenden - Zielgruppe annehmen möchte.


Das Projekt wird nun ausgewertet und das Konzept weiter ausgearbeitet, so dass es Eingang in die APO 2020 finden kann.

 

 

Die ersten Absolventen der Ergänzungsqualifikation „Spät- und Wiedereinsteiger im Pferdesport“: Hinten: Lehrgangsleiter Johannes Beck-Broichsitter; Mitte: Ausbilderin Martina Beck-Broichsitter, Britta Anlauf, Claudia Feldmann, Nadine Krause, Ina Krüger-Oesert, Katrin Maerten, Kathleen Marquardt, Christin Meier, Swantje Prang, Dr. Claudia Vollmers, Christiane Volkmann, Projektkoordinatorin Maritres Hötger; Vorn: Melanie Droßmann, Susan Gollmer; (v.l.n.r.)