Pferde, Sommer, Sonnenschein - Rückblick auf's Landesbreitensportturnier 2012

Der Wettergott muss ein Pferdefreund sein, denn dem 17. Landesbreitensportfestival in Bad Segeberg schenkte er am vergangenen Wochenende die zwei schönsten Tage des Sommers. Das Motto „Pferd und Freu(n)de“ lag allen Beteiligten am Herzen und war auf der gesamten Anlage zu spüren. Über 750 Pferde machten ihren 1000 Reitern, Führern, Fahrern, Voltigierern sowie den Zuschauern am vergangenen Wochenende sichtlich Freude. Auch die Veranstalter strahlten um die Wette, denn trotz der großen organisatorischen Aufgabe lief alles glatt. Dazu hatten sich rund 250 Ehrenamtler und Helfer seit Monaten engagiert, um ein reibungsloses Wochenende zu gestalten.

Shettys und Kaltblüter, Westernreiter und Kutschen – mancher Zuschauer wusste gar nicht, was er sich zuerst ansehen sollte. Kein Wunder, denn beim Landesbreitensportturnier gab es fast alles zu sehen, was der Pferdesport zu bieten hat. „Und diese große Vielfalt ist genau das, was wir unseren Teilnehmern anbieten wollen“, so Anke Voswinkel, Breitensportbeauftragte des Pferdesportverbandes Schleswig-Holstein (PSH). „Egal, ob jemand Western oder Wanderreiten macht, eine Kostümquadrille vorbereitet, Kutsche fährt, Kaltblüter, Isländer, Warmblüter oder Shetlandponys reitet – hier ist jeder willkommen.“
Neu war in diesem Jahr die Vorführung der Disziplin Cowboy Mounted Shooting. Wörtlich übersetzt heißt das nichts anderes, als auf dem Pferd sitzend zu schießen und das im Western-Style. Die Reiter müssen einen Parcours durchreiten und dabei mit zwei .45 Revolver Long Colts mit Schwarzpulverpatronen zehn Luftballons zum Platzen bringen. Je schneller, desto besser, also besteht die Herausforderung neben der Treffsicherheit auch darin, im Galopp einhändig reiten zu können und sein Pferd trotz der lauten Schüsse sicher unter Kontrolle zu haben – ein absoluter Vertrauensbeweis. Nach der Vorführung vom Team „Roger`s Area“ aus Boklund standen Parcours und Revolver zum Ausprobieren zur Verfügung, eine kleine Lehrstunde gab es dazu.

Einen großen Teilnehmer-Andrang gab es bei der Geführten und Gerittenen Gelassenheitsprüfung (GHP). Dort bekommt derjenige die höchsten Noten, dessen Pferd sich nervenstark zeigt und sich auch bei flatternden Bändern, aufgespannten Regenschirmen und zischenden Sprühflaschen ruhig und vertrauensvoll verhält. Weitere Aufgaben: Schreiten über ein Stangenkreuz, durch einen Flattervorhang hindurch und rückwärts durch eine L-förmige Gasse um die Ecke. Auch eine knisternde Plastikplane sollten die Pferde treten. Der Tinker „Louis“ von Jutta Pfeiffer aus Handewitt meisterte die Aufgaben überwiegend gelassen. „Es macht mir viel Spaß und Freude, solche Sachen zu üben und es schult auch den Umgang zwischen meinem Pferd und mir. Es war heute besonders schön, dieses mal vor Publikum zu zeigen. Wir waren bereits vor zehn Jahren auf dem Landesbreitensportturnier und genießen jedes Mal die ausgesprochen nette Atmosphäre. Neben unserer Prüfung freuen wir uns auch immer darauf, die vielen unterschiedlichen Reitweisen anzusehen. Auch die Rassenvielfalt der Pferde ist enorm – vom Shetty bis zum Kaltblut ist alles dabei! Auf den klassischen Turnieren sieht man ja meist nur Holsteiner und Hannoveraner.“
Jutta Pfeiffer diente übrigens selbst als gutes Beispiel für diese Vielfalt – direkt nach ihr und ihrem mächtigen Tinker war Sarah Seulen aus Kiel mit ihrem kleinen Shettywallach Moritz an der Reihe. Dass zwei so unterschiedliche Pferde in derselben Prüfung starten und auch noch die gleichen Chancen haben, ist schon etwas ganz Besonderes, das diese Veranstaltung auszeichnet.

Rund ging es beim Voltigieren, das mit mehreren Teilprüfungen zu zweit, als Mannschaft, mit oder ohne Kostüm und im Schritt und Galopp stattfand. Vor allem junge Pferdefans begeistern sich für die künstlerische Akrobatik auf dem Pferd und zeigten mit tollen Darbietungen und fantasievollen Kostümen ihr Herzblut für ihren Sport. Tine Wittland-Meins vom Reitverein Gettorf-Eckernförde-Dänischer Wohld reist seit zwölf Jahren mit ihrer Voltigiergruppe an. „Beim Breitensportturnier herrscht einfach so eine fröhliche, entspannte Stimmung vor, dass wir immer wieder gerne herkommen. Sogar unsere Leistungssportler, die auch auf der Landesmeisterschaft voltigieren, lassen es sich nicht nehmen, hier teilzunehmen.“

Um den richtigen Stich ging es bei den Ringreiter, die im Rahmen des Turniers ihre Landesmeister der Junioren küren. Bei den Jugendlichen ab Jahrgang 2000 siegte Tamara Kruse, gefolgt von Svea Hansen und Lara Martens. In der Gruppe bis Jahrgang 2000 gewann  Torge Hansen vor Merle Gröhn und Lea Schlott.

Doch nicht immer geht es um den reinen Spaß – die Mounted Games, Geschicklichkeitsspiele zu Pferd, trugen hier wichtige Qualifikationen und Prüfungen aus. Eine hohe Anforderung an die Teilnehmer, die neben äußerster Sattelfestigkeit über großes Geschick und starke Nerven verfügen müssen. Neben vier Teams, die aus Dänemark anreisten, befanden sich unter den Mounted Gamern auch fünf Teilnehmer der kürzlich ausgetragenen Weltmeisterschaft.

„Hohes Niveau und Breitensport ist eben keineswegs ein Widerspruch“, erklärt Maritres Hötger, Veranstalterin und Breitensportreferentin vom PSH. „Denn nicht jeder, der sich hohe Ziele setzt, muss auch sportlichen Ehrgeiz haben. Eine gute Ausbildung von Mensch und Pferd ist die Basis dafür, dass beide gesund und zufrieden sind- ganz gleich ob in der Freizeit oder im großen Sport. Hinzu kommt, dass wir auf unserem Turnier nicht nur Freizeitsportlern und Einsteigern eine Plattform bieten, sondern auch Disziplinen und Reitweisen, die noch nicht den Bekanntheitsgrad von Springen und Dressur erreicht haben, obwohl sie nicht weniger anspruchsvoll sind.“
Ein lebendes Beispiel für diese Aussage bildeten Debora Panebianco mit ihrem Arabischen Vollblut „Maroun“. Die beiden zeigten in der Dressurkür schwierigste Lektionen wie Passage, Piaffe und Galopp-Pirouetten – und das alles mit einer gebisslosen Zäumung. Anstatt wie andere Teilnehmer in klassischen Barockkostümen aufzutreten, kleidete Debora sich als buntes Hippie-Mädchen und schmückte ihr Pferd mit Blumen. „Ich wollte einfach die Leichtigkeit und Freude ausdrücken, die wir beim Reiten empfinden“, erklärte sie. Die beiden starteten zum ersten Mal in Bad Segeberg und waren hoch erfreut über die Veranstaltung. „Die Richter werfen einen sehr professionellem, kritischem Blick auf die Teilnehmer“, sagte Debora Panebianco. „Sie achten auch auf eine gesunde, pferdeschonende Reitweise. Neben Lob gab es auch fachmännische Kritik, die ich mir beim weiteren Training zu Hause zu Herzen nehmen werde.“

„Die Faszination Pferd entwickelt ein ungeheures Facettenspektrum“, sagte Anke Voswinkel. „Wir bieten hier auch den Zuschauern die Chance, ganz andere, oft neue Einblicke in den Pferdesport zu gewähren. Dadurch erhoffen wir uns natürlich auch, besonders Kinder, Einsteiger und Nachwuchsreiter anzusprechen, die vielleicht statt zu den klassischen Disziplinen viel mehr Lust darauf haben, zum Beispiel Mounted Games oder Westernreiten zu lernen. Und viele pferdebegeisterte Erwachsene fühlen sich auf dem Kutschbock vielleicht viel wohler als im Sattel, sind aber bisher noch gar nicht auf diese Idee gekommen.“

Im Sattel oder auf dem Kutschbock die Natur zu erleben – davon träumen die meisten Pferdefreunde. Schleswig-Holstein hat einen ausgezeichneten Ruf als Pferdeland, aber um die Freude mit dem vierbeinigem Partner intensiv erleben zu können, braucht es mehr als Reithallen und Springplätze. Grund genug für Reiter und Fahrer im ganzen Land, mit der Sternstaffette und dem großen Aufmarsch auf dem Landesturnierplatz darauf aufmerksam zu machen, dass mehr Wege für das Reiten und Fahren in der Natur freigegeben und neue Routen geschaffen werden können. Statt mit dem Auto und Anhänger zu kommen, machten sich die Teilnehmer zu Pferd auf den Weg nach Bad Segeberg. „Das Ziel ist es, den Verantwortlichen und der Öffentlichkeit zu zeigen, wie vielen Menschen die Erholung mit dem Pferd in Wald und Feld am Herzen liegt“, erklärte der Schirmherr dieser Aktion, Staatssekretär Ernst-Wilhelm Rabius.

Wenn 800 Kilogramm, verteilt auf vier Hufe, über den Platz galoppieren, bebt die Erde - eindrucksvoll demonstriert beim Kaltblut-Vierkampf. Seit 1998 ist diese Prüfung fester und beliebter Bestandteil des Breitensportturniers. Präsentiert wird diese vom Verein Schleswiger Pferdezüchter (VSP). Der VSP setzt sich für den Erhalt dieser vom Aussterben bedrohten Rasse ein und nutzte dafür auch das Publikum des Landesbreitensportturniers. In einer Prüfung musste ein Schlitten gezogen werden, zwei Prüfungen wurden geritten absolviert und eine an der Hand vorgeführt. Dies zeigte die Vielseitigkeit und den guten Charakter dieser Pferderasse. Zugelassen waren aber auch andere Kaltblutrassen.

„Am besten haben mir die Westernreiter gefallen“ erzählt der elfjährige Jonas aus Kaltenkirchen, der mit seinen Eltern zum Zuschauen gekommen war. „Die sahen so cool aus mit ihren Hüten, Lederhosen und silbernen Sporen – genau wie echte Cowboys! Nach den Ferien darf ich in eine Reitschule gehen. Im nächsten Jahr möchte ich am liebsten auch hier mit reiten!“

Nadine Sorgenfrei




 
                Fotos: Wulf Rohwedder, Susett Queisert, Holger Hansen, Nadine Sorgenfrei